Forschung und Lehre „Die neue W2-Professur in Würzburg soll die MSK-Bildgebung akademisch stärken“
Im Sommer 2025 hat Prof. Dr. med. Jan-Peter Grunz am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Würzburg die neue W2-Professur für Muskuloskelettale (MSK) Bildgebung übernommen. Diese Position ist bundesweit einzigartig. Ursula Katthöfer (textwiese.com) fragte ihn nach seinen Plänen für das Fach.
Redaktion: Zur MSK-Radiologie zählen alle bildgebenden Untersuchungen zur Darstellung von Muskeln, Knochen, Gelenken, Sehnen, Bändern und angrenzenden Weichteilen. Warum hat es so lange gedauert, bis es in Deutschland eine Universitätsprofessur für diesen Bereich gab?
Prof. Grunz: Die MSK-Bildgebung ist klinisch eines der größten Teilgebiete und integraler Bestandteil der Allgemeinradiologie. Während an Universitätskliniken meist eine enge Verbindung zwischen Bildgebung und Akuttraumatologie besteht, findet vor allem die orthopädische Radiologie zu einem großen Teil in der Niederlassung statt. In diesem Umfeld stehen Forschung und curriculare Lehre naturgemäß weniger im Vordergrund.
Die neue W2-Professur soll genau hier ansetzen und die Position der MSK-Bildgebung in der akademischen Landschaft stärken. In Würzburg finden sich dafür beste Voraussetzungen: Unser Institut ist seit 2023 organbasiert organisiert und ein eigenes MRT in der orthopädischen Spezialklinik der Stadt ermöglicht Zugang zu einem breiten Spektrum an elektiven MSK-Untersuchungen.
Redaktion: Welche Strategie verfolgt das Universitätsklinikum Würzburg mit dem Einrichten dieser Professur?
Prof. Grunz: Die neue Professur soll dazu beitragen, einen klinisch hochrelevanten Schwerpunkt akademisch stärker sichtbar zu machen. Sie umfasst die Aufgabe, die MSK-Radiologie langfristig in Forschung, Lehre und Weiterbildung zu verankern und gezielt weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht nur um wissenschaftliche Exzellenz, sondern auch um eine enge Verzahnung mit den klinischen Partnerfächern, insbesondere mit Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie. Zudem geht es um die systematische Förderung des radiologischen Nachwuchses.
Redaktion: Würzburg will sich als führendes MSK-Zentrum in Europa etablieren. Welche Schritte unternehmen Sie, um dieses Ziel zu erreichen?
Prof. Grunz: Der erste Schritt besteht darin, ein klares Profil mit definierten Forschungsschwerpunkten und strukturierten Weiterbildungsangeboten für Studierende und ärztliches Personal zu bilden. Gleichzeitig setzen wir auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unseren klinischen Partnerfächern. Die technische Ausstattung in Würzburg umfasst die modernsten Bildgebungstechniken, darunter Photon-Counting-CT, 7 Tesla MRT, Kegelstrahl-CT und Hochfrequenz-Ultraschall. Der enge Austausch mit unserer experimentellen Radiologie stellt sicher, dass die Bildgebung kontinuierlich weiterentwickelt wird. Mein Ziel ist es, Würzburg als international sichtbaren MSK-Standort zu etablieren, an dem exzellente klinische Versorgung, Forschung und Lehre synergistisch Hand in Hand gehen.
Redaktion: Wo setzen Sie Forschungsschwerpunkte?
Prof. Grunz: Ein Fokus meiner Arbeitsgruppe liegt traditionell auf hochauflösenden CT-Verfahren, in den vergangenen Jahren insbesondere auf der Photon-Counting-CT. Wir beschäftigen uns derzeit außerdem mit der quantitativen Bildgebung des Knochenmarks. Anatomisch interessieren mich besonders Fragestellungen an der oberen Extremität. Eines meiner Steckenpferde ist die bildgebende Diagnostik der Hand. Zu diesem Thema habe ich gemeinsam mit Prof. Dr. Rainer Schmitt im vergangenen Jahr ein 656 Seiten starkes Lehrbuch veröffentlicht. Bei meinen wissenschaftlichen Aktivitäten ist mir immer der klinische Nutzen wichtig. Dazu braucht man als Radiologe starke Kooperationen mit den zuweisenden Disziplinen.
Redaktion: Welche Rolle spielt dabei die Kegelstrahl-CT?
Prof. Grunz: Die Kegelstrahl-CT des Extremitätenskeletts ist mein Habilitationsthema, folglich begleitet mich diese Technik bereits seit einigen Jahren. Jenseits ihrer wissenschaftlichen Relevanz stellt sie eine wertvolle Ergänzung unseres klinischen Untersuchungsangebots dar. Ein Großteil der CT-Diagnostik an der oberen Extremität wird in unserem Institut mittels Kegelstrahl-CT durchgeführt. Der entsprechende Scanner ist an sich eines unserer Hauptröntgengeräte. Da wir ihn zusätzlich für die Kegelstrahl-CT-Diagnostik einsetzen, werden an den anderen CT-Scannern Kapazitäten frei. Außerdem besteht die Möglichkeit zur Fluoroskopie-gesteuerten Arthrografie mitsamt nachfolgender CT-Diagnostik ohne Umpositionierung. Das erleichtert die Untersuchung nicht nur für die Patienten, sondern führt auch zu einem besseren klinischen Workflow und höherer Wirtschaftlichkeit.
Redaktion: Lohnt sich ein Kegelstrahl-CT-Gerät auch für Praxisniederlassungen?
Prof. Grunz: Das hängt stark vom individuellen Leistungsspektrum ab. Für radiologische Praxen mit einem MSK-CT-Schwerpunkt oder für orthopädische Praxen mit einem Fokus auf das Extremitätenskelett kann ein entsprechendes Gerät medizinisch wie wirtschaftlich sinnvoll sein.
Redaktion: Als Sie den Ruf nach Würzburg erhielten, forschten Sie gerade an der University of Wisconsin-Madison. Wie haben Sie die Forschungskultur in den USA erlebt?
Prof. Grunz: Die Forschungskultur in den USA ist dynamisch und von kontinuierlichem gegenseitigen Austausch gekennzeichnet. Gute Ideen werden schnell aufgegriffen, interdisziplinäre Kooperationen sind selbstverständlich und junge Wissenschaftler übernehmen früh Verantwortung. Besonders beeindruckt hat mich die strukturierte Verzahnung von Grundlagenforschung, technischer Entwicklung und klinischer Anwendung. Aus quasi jeder Untersuchung wird ein wissenschaftlicher Informationsgewinn gezogen, um die Bildgebung in einem iterativen Kreislauf zu verbessern.
Redaktion: Welche Aspekte dieser Forschungskultur haben Sie mit nach Würzburg gebracht?
Prof. Grunz: Ich versuche, vor allem die Offenheit für neue Ideen und die konsequente Projektorientierung in meine Arbeit zu integrieren. Dazu gehört auch, Nachwuchswissenschaftlern früh eigene Verantwortung zu übertragen und sie aktiv in Publikationen und Drittmittelprojekte einzubinden. Wichtig ist mir außerdem die stärkere internationale Vernetzung unserer Forschungsprojekte und die strategische Vorbereitung multizentrischer Studien.
Redaktion: Sie dürften mit 36 Jahren einer der jüngsten Medizinprofessoren in Deutschland sein. Welche eigenen Erfahrungen aus Ihrer Studien- und Weiterbildungszeit nehmen Sie mit in die Lehre?
Prof. Grunz: Das mag nicht dem Stereotyp vom eigenbrötlerischen Bildbetrachter entsprechen, aber Radiologie ist für mich eine der kommunikativsten medizinischen Fachdisziplinen überhaupt. Deshalb lege ich großen Wert auf das Miteinander – egal ob als Team im Befundungsraum oder beim wissenschaftlichen Arbeiten. Gegenseitige Unterstützung und ein respektvoller Umgang machen auch anstrengende Arbeitstage erträglich. Mein Ausbildungskonzept umfasst fallbasiertes Lernen, klare Lernziele und eine enge Anbindung an die klinische Praxis. Ich verfolge den Anspruch, Studierenden und Assistenzärzten nicht nur Bildinterpretation zu vermitteln, sondern auch klinisches Denken und interdisziplinäre Kommunikation.
Redaktion: Sie sind auch Master of Health Business Administration (MHBA). Warum haben Sie sich zu diesem berufsbegleitenden Studium entschlossen?
Prof. Grunz: Der Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement an der Universität Erlangen-Nürnberg bietet mit dem MHBA-Studiengang eine gute Möglichkeit, sich berufsbegleitend auf weitere Karriereschritte vorzubereiten. Der Studiengang findet unter Ärzten inzwischen großen Anklang. Nach meinem Eindruck sind Radiologen überproportional stark vertreten. Möglicherweise besteht in unserem Feld ein größeres wirtschaftliches Interesse als in anderen Fachdisziplinen.
Redaktion: Zum Schluss eine private Frage: Sie waren viele Jahre Torwart beim Würzburger Fußballverein 04 e. V. Wie hat dieser Sport Sie auf Ihre Rolle als Universitätsprofessor vorbereitet?
Prof. Grunz: Meine Antwort möchte ich gerne mit einem bekannten Sport-Zitat einleiten, das unter anderem vom Würzburger Basketball-Idol Dirk Nowitzki bemüht wurde: „Ein Athlet stirbt zweimal im Leben.“ Er meinte damit, dass das sportliche Karriereende den ersten Tod darstellt. Das klingt martialisch, doch der Gedanke ist nachvollziehbar: Als Sportler ist man zunächst das Talent, dann der Leistungsträger und schließlich der Routinier. Nach dem Ende der sportlichen Laufbahn, in der oft wenig Zeit für anderes bleibt, kann man aber nicht einfach in den Sonnenuntergang reiten, sondern muss sich neu erfinden. Schließlich wartet noch das komplette zweite Leben – in meinem Fall in der Radiologie. Als Torwart habe ich früh gelernt, Verantwortung für ein Team zu übernehmen und auch in kritischen Situationen ruhig zu bleiben. Außerdem schult der Sport die Fähigkeit, mit eigenen Fehlern konstruktiv umzugehen und daraus zu lernen. Diese Erfahrungen helfen mir bis heute.
- Schmitt, R., Grunz J.: „Referenz Radiologie – Hand“, Thieme 2025, ISBN 9783132447486
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