Digitalisierung/Katastrophenschutz„Radiologie-Bilder müssen mobiler werden!“
Was vor der Pandemie kaum jemandem bewusst war, gehört nun zur Tagesordnung: Das Gesundheitswesen muss sich auf Krisen und Katastrophen vorbereiten. Um ihnen adäquat zu begegnen, braucht es starke Krankenhäuser. Prof. Dr. med. Tobias Penzkofer ist Facharzt für Radiologie und leitender Oberarzt an der Klinik für Radiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Dort leitet er die Arbeitsgruppe Quantitative Imaging Lab (QILAB). Im Interview schildert er, wie die Gesundheitsversorgung krisenfest werden kann und was die Digitalisierung damit zu tun hat.
Redaktion: Wie sollte das gesamte deutsche Gesundheitswesen vernetzt sein, um Resilienz gegen Naturkatastrophen, Terroranschläge oder den Nato-Bündnisfall zu entwickeln?
Prof. Penzkofer: Derzeit ist die medizinische Expertise auf ganz Deutschland verteilt, aber nicht ausreichend miteinander vernetzt. Es gibt zwar lokale und regionale telemedizinische und teleradiologische Netzwerke, doch fehlt die deutschlandweite Infrastruktur. Das ist nicht nur für Pandemien und Katastrophen von Nachteil, sondern betrifft die Medizin allgemein. Derzeit verschicken wir medizinische Informationen individuell, etwa bei Patienten mit seltenen Erkrankungen, für die es nur in wenigen Häusern Experten gibt. Unsere Bilder sind digital nicht so mobil, wie wir es uns wünschen würden.
Redaktion: Welche digitale Lösung könnte den individuellen Versand ersetzen?
Prof. Penzkofer: Hoffnungsträger ist die elektronische Patientenakte (ePA). Über sie ließen sich alle Informationen zur Verfügung stellen. Doch können Bilder aktuell nicht darüber transportiert werden. Zwar hantieren wir nicht mehr mit Filmen, doch sind DVDs und QR-Codes auch nicht die optimale Lösung. Wir brauchen einen Weg, um die Daten bundesweit einfacher verfügbar zu machen, damit wir telemedizinische Leistungen skalieren können. Das muss auch regulatorisch einwandfrei sein. Da wir mit der ePA bereits eine bundesweite Struktur haben, wäre sie am besten geeignet, sofern die entsprechenden Schnittstellen vorhanden sind.
Redaktion: Welche Datenstandards wären nötig?
Prof. Penzkofer: Derzeit verwendet die Radiologie DICOM als Austauschstandard. Ergänzend dazu ist Fast Healthcare Interoperability Resources (FHIR) das zukunftsgerichtete Format, um zusätzliche medizinische Informationen strukturiert zu übermitteln. FHIR wird auch deshalb relevant, weil wir über Deutschland hinausdenken müssen. Denn Krisen und Naturkatastrophen wie Covid 19 halten sich nicht an Grenzen. In den Grenzregionen sehen wir, wie Krankenhäuser zusammenarbeiten. Während der Pandemie wurden Patienten aus ganz Europa in Deutschland behandelt. Auch aus dieser Erfahrung heraus halte ich ein europäisches digitales Netzwerk für sinnvoll. Der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) schafft dafür wichtige Voraussetzungen.
Redaktion: Was kann KI zur Krisenbewältigung beitragen?
Prof. Penzkofer: Bisher arbeiten wir mit narrow AI, also mit KI, die bestimmte Krankheitsfälle erkennen und diagnostizieren kann. Im Krisenfall kann KI Ärztinnen und Ärzte daher nicht vollständig ersetzen. Auch speist sich das Wissen aus der Vergangenheit. Sich auf Krisen vorzubereiten, heißt aber, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Wir wissen nicht, mit welcher Art von Krise wir es zu tun haben werden. Für Zukunftsszenarien sind daher Netzwerke wie das NUM (Netzwerk Universitätsmedizin) von hoher Relevanz.
Redaktion: Selbst ein Nato-Bündnisfall ist nicht mehr auszuschließen.
Prof. Penzkofer: Für derartige Herausforderungen brauchen wir eine hervorragende Infrastruktur. Das fängt beim Strom an. Denn digitale Infrastruktur funktioniert nur dann gut, wenn der Strom funktioniert. Wir müssen unsere hoch technisierte Medizin so fit machen, dass sie Krisen standhält. Dabei können wir auf Strukturen wie den Katastrophenschutz aufbauen. Diese Resilienz bedeutet allerdings auch, Dinge vorzuhalten, die möglicherweise nicht verwendet werden und die keinen Gewinn abwerfen.
Redaktion: Gibt es dazu ein Beispiel aus der Radiologie?
Prof. Penzkofer: Wenn in Krisenregionen eine autarke Bildgebung gebraucht wird, muss diese vorgehalten werden, z. B. durch CTs in Containern. Diese müssen gelagert und gewartet werden. Sich auf Krisen vorzubereiten, hat einen gesamtgesellschaftlichen Preis und wir müssen entscheiden, welche Ressourcen wir brauchen und was wir zur Verfügung stellen wollen.
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